Ein feuchter, salziger Tropfen landete auf der letzten Seite eines alten Buches.

„Hach, war das schön“, seufzte das kleine Mädchen. Verzückt wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und strich liebevoll über den roten Einband. Noch immer in der vertrauten Welt der Königin Sophie gefangen, riss sie ein Kribbeln in den Fingerspitzen aus den Gedanken. Verwundert sah sie hinunter und bemerkte wie grauer Rauch aufstieg. Kurz darauf leckten kleine Flammen über ihre Haut und verteilten sich schlängelnd über die gesamten Hände.

„Nein“, hauchte das Mädchen, sprang von ihrer Kiste auf und rannte vom Dachboden bis in das Erdgeschoss. Keuchend fand sie sich in der kleinen, urigen Buchhandlung der Familie Fuchs wieder. Sofort entdeckte sie das Unheil. Ein Bücherregal stand in Flammen.

 „Bitte nicht!“ Tränen und Rauch brannten in ihren dunklen Augen.

Sie hastete auf das Feuer zu und versuchte, die noch unversehrten Bücher zu retten, doch jeder ihrer Griffe ging ins Leere. Stattdessen breiteten sich die Flammen nicht nur über die schönen Einbände aus, sondern auch über ihre weiße Haut.

„Nein, nein, nein …“ Mit wehendem Kleid raste sie in die erste Etage und stürmte mitten durch eine Tür hindurch, hinter der ein kleiner, blonder Junge schlief. „Wach auf!“, rief sie. „Bitte!“ 

Er bewegte sich nicht. Das Mädchen wollte das Wasserglas von seinem schmalen Nachttisch stoßen. Ihre Hand glitt widerstandslos hindurch.

Es brennt!“, schrie sie ihn an. „Wach doch auf, bitte!

Der Brustkorb des Jungen hob sich regelmäßig unter seinen tiefen Atemzügen.

„Ich brenne“, schluchzte das Mädchen verzweifelt. Die Flammen züngelten bereits an ihrem Hals. „Hilf mir doch!“ Tränen liefen ihr die zarten Wangen hinunter.

„WACH AUF!“ Ihr Schrei hallte von den Wänden und brachte das Wasserglas zum Klirren. Der kleine Junge zuckte aus dem Schlaf hoch und schaute sich verwirrt in im Kinderzimmer um. Einen Moment später reckte er seine Nase in die Höhe.

Rauch. Sofort sprang er auf und eilte in das Schlafzimmer seiner Mutter.

„Mami, Mami!“ Er schüttelte ihren Körper. „Mami, ich glaube es brennt!“

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Seine Mutter sprang hastig aus dem Bett und rannte mit dem Jungen die Treppe hinunter. Sie schnappte sich den Feuerlöscher neben dem Treppenaufgang und begann fluchend den weißen Schaum über die zuckenden Flammen zu verteilen. Wenige Minuten später war von dem Regal nur noch ein nasser, schwarzer Haufen übrig. Die junge Mutter ließ sich erschöpft auf den Boden fallen, während ihr Sohn ein kaum beschädigtes Buch aus dem Haufen fischte.

„Immerhin hat es eines der Bücher überlebt “, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Ich bin froh, dass du das Feuer so schnell bemerkt hast.“

„Aber das war ich nicht“, sagte der Junge. „Der Geist vom Dachboden hat mich geweckt. Er hat auf unsere Bücher aufgepasst.“

„Ein Geist? Ach Timmi, Geister gibt es doch gar nicht.“ Trotz ihrer Worte blickte sie zur Treppe hinauf und sah für einen Sekundenbruchteil eine Gestalt um die Ecke verschwinden.

Auf dem Dachboden saß nun wieder das kleine Mädchen. Letzte Rauchwölkchen stiegen von ihrer weißen Haut auf, bevor sie erschöpft, aber glücklich die erste Seite eines alten Buches aufschlug.

 

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