Eine Decke aus rosafarbenem Schnee, bedeckte den Boden.

Die zarten Blüten wurden von einer Böe aufgewirbelt, hoch in die Lüfte, von wo aus sie wieder zu Boden segelten.
Yuna saß unter einem alten Baum auf einer Mauer, die den großen Park umrandete und betrachtete das Schauspiel.
Auf der Rasenfläche tummelten sich hunderte Menschen und erfreuten sich an dem Kirschblütenregen.
Sie lachten, redeten und aßen mit ihren Familien oder Freunden.
Hanami, das Fest der Kirschblüten, trieb wie jedes Jahr Einheimische und Touristen in den Park. Seit zehn Tagen herrschte in der Stadt der Ausnahmezustand. Besonders heute, am letzten Tag des Festes, wo die Blüten langsam von den Bäumen fielen.
Yuna liebte Hanami.
Es war das größte und beste Ereignis im ganzen Jahr. Nur dieses Mal bescherte es ihr eine schreckliche Übelkeit.
Vor zwei Jahren hatte sie ihn hier kennengelernt. Makoto.
Ihr Herz zog sich zusammen. Wütend ballte sie die Fäuste, um die Tränen zurückzuhalten.

 

„Vielleicht kommt er ja zurück“, flüsterte sie in den Trubel hinein. „Ihm wird bestimmt bald klar, dass er einen Fehler gemacht hat.“
Drei Wochen redete sie sich das schon ein und wartete auf eine Nachricht von ihm. Doch es kam nie eine. Er hatte sie einfach so verlassen.  
„Ey, wehe du trauerst diesem Schwachkopf hinterher!“
Erschrocken fuhr Yuna zusammen und stürzte beinahe von der Mauer. Neben ihr saß ein junges Mädchen gehüllt in ein weißes Kleid. Wirre schwarze Haare, in denen sich dutzende Blüten verfangen hatten, fielen ihr über die Schultern. Dazu kamen warme braune Augen, die sie verschmitzt musterten.
Yuna hatte nicht mitbekommen, dass sich jemand zu ihr gesellt hatte.
„Was hast du gesagt?“, fragte sie das Mädchen verwirrt.
„Dass du diesen blinden und überaus idiotischen Schwachmaten nicht hinterher trauern solltest.“
„Kenne ich dich?“
Das Mädchen lehnte sich zurück und baumelte mit den Füßen. „Nö, aber jeder der dich verlässt, kann doch nur blind oder blöd sein.“
Yuna wandte sich verärgert ab. „Es ist unhöflich andere Menschen zu belauschen.“
Was wollte dieses Mädchen von ihr? Sie wollte doch nur alleine sein. Alleine unter hunderten von Menschen.
„Ich kann nichts dafür, wenn du in meiner Nähe herum nuschelst, wie ein altes griesgrämiges Weib.“
Yuna schnaufte wütend. „Also das…“
»Sorry!“, unterbrach sie das Mädchen lachend. „Das alt nehme ich zurück, aber griesgrämig bist du dennoch und das an einem so wundervollen Tag!“
„Was soll an diesem Tag wundervoll sein?“ Yuna konnte den missmutigen Unterton nicht verbergen.
Das Mädchen sprang von der Mauer und drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis.
„Der Frühling ist da!“, rief sie begeistert zum Himmel hinauf. „Etwas Neues beginnt!“
Sie stoppte und wandte sich zu Yuna. „Aber du sitzt hier seit Tagen und versinkst in Selbstmitleid.“
Um ihre Worte zu verdeutlichen, zog sie mit zwei Fingern ihre Mundwinkel nach unten.
Wut stieg in Yuna hoch. Was erlaubte sich dieses Mädchen? Mit einem Satz sprang sie von der Mauer.
„Was fällt dir ein!«, entfuhr es ihr »Du weißt doch gar nichts über mich! Makoto hat mich...“
„Nichts währt ewig.“
Das freche Mädchen ignorierte sie einfach!
„Du nicht, ich nicht, die Sonne wird irgendwann explodieren und die Erde zerfällt zu Staub.“
Yuna lachte bitter. „Sehr beruhigend.“
Unbeirrt fuhr das Mädchen fort. „Selbst der Typ da.“
Sie zeigte auf einen Jungen, der sich vollbeladen mit einem Picknickkorb durch die Menge schlängelte.
„Selbst er wird irgendwann nicht mehr sein. Vielleicht bricht er sich gleich das Genick?“
Als hätte sie es vorausgeahnt, stolperte der Junge plötzlich über eine Hundeleine und fiel begleitet von einem lauten Scheppern zu Boden.
Yuna sah, dass er mit hochrotem Kopf seine Sachen einsammelte und sich mehrfach bei den Leuten entschuldigte. Der Hund, über dessen Leine er gestolpert war, hatten sich ein herausgefallendes Omelett geschnappt und kaute genüsslich darauf herum.
Plötzlich spürte sie ein Ziehen an ihrem Kopf. Das Mädchen hatte Yunas Dutt gelöst und nun fielen ihre Haare in dunkeln Wellen über den Rücken.
»Hey!«
Kaum einen Atemzug später steckte ein kleiner Zweig mit Kirschblüten hinter ihrem Ohr.
„Schönheit ist vergänglich, genau wie das Leben, die Liebe, die Trauer.«
Das Mädchen betrachtete sie zufrieden.
Sie war verrückt! Yuna wollte sich den Zweig aus den Haaren zerren, doch diese Wahnsinnige gab ihr einen Klaps auf die Hand.
„Aua!“
»Aber das heißt nicht«, fuhr sie fort. »Dass danach nicht etwas Neues und Wunderbares entstehen kann. Mach es wie die Kirschblüten, lass los, damit etwas Neues wachsen kann.«
»Du bist doch...«
Zu mehr kam Yuna nicht, denn das Mädchen hatte sich hinter sie gestellt und gab ihr einen kräftigen Schubs.
Schreiend fiel sie nach vorne … genau in die Arme von dem Jungen. Erneut hallte ein lautes Scheppern durch den Park, während sie gemeinsam zu Boden stürzten.
Stöhnend richtete sie sich auf und rieb sich den schmerzenden Kopf.
Der Junge lag halb aufgerichtet neben ihr und starrte sie mit offenem Mund an.
„Hast du dir wehgetan“, fragte sie zögernd.
Er reagierte nicht.
„Hallo, geht es dir gut?“
„Du bist wunderschön.“ Kaum hatte der Junge die Worte ausgesprochen, nahm sein Gesicht die Farbe einer reifen Tomate an.
Auch Yuna spürte die Hitze in ihren Wangen.
Was hatte er da gesagt? Sie musste sich verhört haben. Schnell stand sie auf und begann den Picknickkorb wieder einzuräumen.
Ihr fiel auf, dass er von allem nur eines dabei hatte. Ein Teller, ein Becher und nur einmal Besteck.
„Bist du alleine hier?“, fragte sie ihn, während er begann zerfallende Reisbällchen aus dem Rasen zu zupfen.
Er nickte. „Ich bin jedes Jahr alleine hier …“ stockend hielt er inne und hob seinen Korb auf.
„Ich bin auch alleine hier.“ Yuna brachte ein schwaches Lächeln zu Stande.
Der Junge räusperte sich umständlich. „Willst du… wollen wir gemeinsam alleine hier sein?“
Yuna lachte. „Das fände ich schön.“
„Ich bin Haru«, stellte er sich lächelnd vor.
„Yuna.“
Ihr fiel ein langer Grashalm auf, der sich in seinen braunen Haaren verfangen hatte. Ohne darüber nachzudenken stellte sie sich auf die Zehenspitzen und zupfte ihn heraus. Ihre Blicke begegneten sich und die Welt hörte auf sich zu drehen.
Yunas Herz begann zu flattern wie ein Schmetterling.
Das Atmen fiel ihr schwer.
„Wollen wir nach einem freien Platz suchen?“ Harus Stimme holte sie aus ihrer Starre.
„Ja, gerne.“
Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und spürte plötzlich den dünnen Zweig.
„Das Mädchen!“, flüsterte sie. „Warte kurz!«
Bevor Haru reagieren konnte, eilte sie zurück zur Mauer, auf der das Mädchen mit baumelden Füßen saß.
„Du bist noch hier? Los geh endlich.“ Sie machte eine scheuchende Handbewegung.
„Aber ich kenne deinen Namen nicht!“
Das Mädchen zwinkerte ihr zu. „Nenn mich Sakura.“
„Ich bin Yuna“, stellte sie sich nun auch vor. „Möchtest du vielleicht mit uns zusammensitzen?“
Das Mädchen, Sakura, schüttelte den Kopf. „Neee, ich muss jetzt los.“
Sie erhob sich von der Mauer.
„Bis zum nächsten Jahr, Yuna.“
Mit diesen Worten sprang sie in die Luft und verschwand innerhalb eines Wimpernschlages.
An ihrer Stellen wirbelten dutzende Blütenblätter durch die Luft und umkreisten Yuna. Sie war sich sicher ein Kichern zu hören, bevor die Blüten in den Himmel sausten.
„Yuna, kommst du?“, hörte sie Harus Stimme. Ein letztes Mal sah sie zu dem blauen Himmel hinauf.

Sakura. Kirschblüte. Kirschblüte!
War das möglich oder hatte sie sich alles nur eingebildet?
Sie drehte sich zu Haru um. Real oder nicht. Das verrückte Mädchen hatte recht gehabt. Yuna musste loslassen, damit etwas Neues entstehen konnte.

 

 

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