Der Wind peitschte kleine Sandkörnchen in mein Gesicht. Mit abgeschirmten Augen stapfte ich durch den Sand. Bei jedem Schritt sank ich tiefer hinein, während das Geräusch der tosenden Wellen in meinen Ohren hallte. Ich hielt darauf zu. Sobald ich am Wasser angekommen war, ließ ich meinen Arm sinken. Statt Sand, flog mir nun eine kühle Gischt ins Gesicht. Salz legte sich wie eine krustige Schicht über meine Haut und ließ sie spannen. Ich genoss das Gefühl und genoss es diese Freiheit zu spüren, die mich jedes Mal überkam, wenn ich vor diesem riesigen, eindrucksvollen Meer stand.

Es könnte uns so leicht verschlingen, dachte ich. Adam und mich.

Kaum wanderten meine Gedanken zu ihm, schlossen sich raue Finger um meine. Ich sah zu ihm auf, während der Wind an meinen Haaren zerrte. Sie lösten sich aus dem straffen Zopf und wirbelten uns beiden ins Gesicht. 

„Was tust du hier?“, fragte er mich über das Tosen hinweg.

Ich lächelte zu ihm auf. Warme, braune Augen musterten mich liebevoll.

„Das Gleiche wie du.“

Er schüttelte den Kopf, bevor er mein Gesicht berührte. Ein vertrauter schwieliger Finger fuhr meine Konturen entlang und verharrte schließlich an meiner Wange. Er wischte einen salzigen Tropfen fort. 

„Nein, Jasmin. Für dich ist es noch nicht an der Zeit.“

 Ein schrilles Piepen ließ mich zusammenzucken. Einmal, zweimal, nach dem dritten Mal verstummte es. Kurz sah ich mich um, bevor ich mich erneut auf Adam konzentrierte.

Kleine Falten zeichneten seine Stirn und die Haut um die Augen. Das Alter hatte ihn gezeichnet, genau wie mich. Wir waren nicht mehr die jungen, freien Geister von damals. Unsere Haare waren grauer, unsere Haut schlaffer und doch hatte sich eines nicht geändert. Das Gefühl von kleinen Stromstößen in meinem Kopf, meinem Herzen, meinem Bauch, ja sogar in meinen Zehenspitzen, die ich jedes Mal spürte, wenn ich ihn sah.

„Adam, lass uns doch einfach die gemeinsame Zeit genießen.“

Spielerisch zog ich ihm am Ohrläppchen, wie ich es früher immer getan hatte, um ihn zu necken.

Er lächelte und gab mir einen sanften Kuss auf die Lippen.

„Aber nur kurz, mein Engel“, sagte er leise und nahm meine Hand.

Gemeinsam gingen wir am Wasser entlang, hinterließen unsere Schuhabdrücke im Sand, die eilig von den Wellen fortgespült wurden, als hätten sie keine Daseinsberechtigung.

„Kannst du dich noch an unseren ersten Kuss erinnern?“, fragte er mich.

Natürlich konnte ich das. Nie würde ich diesen zauberhaften Moment vergessen können.

Mit geschlossenen Augen dachte ich an die wankende und quietschende Gondel mit den zerschlissenen Ledersitzen. Ich spürte beinahe das kalte Metall an meinen Händen. Panisch hatte ich mich festgekrallt, weil Adam die Gondel zum Schwingen gebracht hatte.

„Schau Jasmin!“

Überrascht öffnete ich die Augen. Der Wind war verschwunden, genau wie der stürmende Ozean. Er wurde ersetzt durch ein Meer aus tausenden Lichtern, die die finstere Nacht um uns erhellten.

Rot, gelb, grün und blau winkten sie mir entgegen und tanzten wie kleine Feen unter mir. Die typischen Geräusche von lachenden Menschen und klingelten Spielautomaten, sowie unheilvollen Stimmen aus der Geisterbahn brachten die Luft zum Schwingen.

„Das Riesenrad ist stehen geblieben“, erinnerte ich mich. „Und dann hast du die Gondel zum Wackeln gebracht!“ Spielerisch schlug ich ihm auf die Schulter. Adam fing den Schlag ab und zog mich zu sich ran.

„Und zur Wiedergutmachung hast du einen Kuss bekommen.“

„Einen sehr schönen Kuss“, sagte ich schmunzelnd und schmiegte mich an seine Brust. 

Wärme durchströmte meinen Körper und ich kuschelte mich noch näher an ihn. Mein Adam. Mein Mann. Mein Herz und mein Leben. Seit dem sechzehnten Lebensjahr waren wir zusammen und nur selten getrennt gewesen. Seit vierzig Jahren Seite an Seite und ich hatte nicht ein einziges davon bereut.

Die Gondel ruckelte leicht, bevor sich das Riesenrad wieder in Bewegung setzte. Die Unruhe und die Lichter kamen näher. Dabei war es dort oben so schön gewesen.

„Ich will nicht nach unten“, sagte ich leise. Wieder hörte ich ein schrilles Piepen. Einmal. Zweimal und nach dem dritten Mal war es vorüber. 

Adam strich mir sanft über das Haar. „Wohin willst du denn, mein Engel?“

Kurz überlegte ich, aber die Entscheidung fiel mir nicht schwer.

„Das Mohnfeld. Ich will wieder auf das blühende Mohnfeld von damals.“

Kaum waren die Worte ausgesprochen lagen wir auf weichem, erdigem Boden umgeben von grünen Stängeln und roten Blüten.

Begeistert sprang ich auf und zog Adam mit auf die Beine.

„Komm, Adam!“

Lachend hielt ich seine Hand fest umschlugen und begann loszulaufen. Ich rannte, als wäre ich wieder zwanzig Jahre alt, durchpflügte das Mohn und genoss die warme Briese und die Sonne auf meiner Haut.

Adam stolperte hinter mir her. Zuerst war er verwirrt, doch nun vermischte sich sein glückliches Lachen mit meinem.

Egal in welche Richtung ich rannte, säumten immer mehr von den roten Blüten die Welt.

Atemlos stoppte ich. In Adams Augen spiegelte sich mein eigenes, grinsendes Gesicht,

Er nahm mich in den Arm und hielt mich für lange Zeit fest. Unsere Herzen beruhigten sich von dem kurzen Sprint, aber er ließ mich nicht los.

„Ich liebe dich“, flüsterte er. „Vergiss das nicht, mein Engel.“

Tränen füllten meine Augen. Sie brannten heiß und erbarmungslos.

„Ich liebe dich auch.“

Wieder schwiegen wir und lauschten auf das Rascheln der Blumen, die uns umzingelten.

„Warum hört sich das wie ein Abschied an?“

Meine Stimme zitterte leicht. Ich wusste nicht warum.

„Weil es einer ist.“

Mit schwerem Herzen zuckte ich zurück. Das beißende Piepen erklang erneut. Einmal. Zweimal. Aber nach dem dritten Mal hörte es nicht auf. In einem langsamen, gleichbleibenden Rhythmus ließ es meinen Körper erschüttern.

„Jasmin, es wird Zeit zu gehen.“

Irritiert sah ich ihn an.

Ich wollte ihn gerade Fragen, was das zu bedeuten hatte, als eine Sturmböe mich nach hinten stolpern ließ. Weg von Adam.

Schiere Panik überkam mich.

„Nein!“, schrie ich über den Wind hinweg.

Dunkle Wolken überschatteten den blauen Himmel. Die Sonne verschwand und wurde durch ein Grollen ersetzt. Blitzte zuckten durch die Schwärze. Ich streckte Adam die Hand entgegen, aber er ergriff sie nicht. Er sah mich nur an. Trauer zeichnete sein Gesicht.

„Deine Zeit ist noch nicht gekommen, mein Engel.“

Das Piepen bereitete mir Kopfschmerzen. Ich konnte nicht mehr klar denken und jede Sturmböe trieb mich weiter von meinem Adam fort. Ich kämpfte dagegen an, versuchte mich dem Wind entgegen zu stemmen. Ohne Erfolg.

„Nein, Adam!“ Schluchzend bäumte ich mich noch einmal auf. „Komm zurück Adam!“  

„Ich warte hier auf dich“, rief er mir zu.  „Aber du musst jetzt aufwachen, mein Engel. Du musst aufwachen und weiterleben!“

Tränen liefen mir in Strömen über die Wangen.

„Adam!“

„Du musst weiterleben, mein Engel. Verspreche es mir!“

Er war bereits so weit weg, dass ich nur noch seine Umrisse erkennen konnte. Ich hatte keine Chance mehr ihn zu erreichen.

„Ich verspreche es“, flüsterte ich leise, bevor mich der Sturm von den Beinen riss.

 

Piep…Piep…Piep. Dieses elende Piepen verschwand einfach nicht. Piep… Piep… Piep. Unbarmherzig pochte es in meinem Kopf, während ich schwerfällig versuchte meinen Arm zu heben. 

„Mama?“

Ivy? Was machte meine Tochter hier? Wo war ich überhaupt? Piep... Piep... Piep. Warme, feingliedrige Finger legten sich auf meinen Arm.

„Mama, ich bin hier. Ich bin bei dir.“

Flatternd öffneten sich meine Augen. Das Licht blendete mich. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich klar sehen konnte.

„Ivy?“, krächzte ich. 

Sie reichte mir ein Glas Wasser und half mir einen kleinen Schluck zu trinken.

„Was ist passiert?“

Ich sah wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Braune Augen, wie die von Adam.

Ivy krallte sich in meinen Arm.

„Ihr hattet einen Unfall. Du und Papa.“

Adam.

„Ihr seid zur Geburtstagsfeier von Onkel Fred gefahren und dann…“ leise schluchzte sie. „Und dann ist ein Auto auf eure Fahrbahn geraten und…“ Sie redete nicht weiter. Beruhigend streichelte ich ihr über die Hand.

„Was ist mit deinem Vater? Was ist mit Adam?“, fragte ich mit erstickter Stimme. Meine Hand zitterte, mein Herz raste.

Ivy schüttelte nur den Kopf und schluchzte immer heftiger.

„Er… er… er hat es nicht geschafft.“

Langsam, wie dickflüssiger Honig, drangen ihre Worte in mein Bewusstsein.

Er hat es nicht geschafft.

Mein Inneres zersprang in tausend Scherben. Scharf schnitten sie in mein Herz. Brachten es zum Bluten. Wie betäubt lag ich in dem Krankenhausbett und hielt meine Tochter in dem Armen. Sie weinte laut und schmerzvoll, während mir stumm die Tränen den Hals hinab liefen.

Ich verspreche es, dachte ich. Ich verspreche es, Adam.

 

Coverdesign von http://way-of-butterfly-art.jimdo.com/