Ein einzelner Schweißtropfen lief mir kitzelnd in den Nacken. Schnaufend wischte ich ihn fort und notierte die Bestellung der Gäste auf dem ausgefranzten Notizblock. Ich bedankte mich lächelnd und nahm die Speisekarten entgegen.

Am liebsten hätte ich mir das enge Dirndl vom Leib gerissen. Ich schwitzte wie ein Schwein, sodass unter meinen Achseln sicherlich fußballgroße, runde Flecken zu sehen waren.

„Drei Bier und eine Apfelschorle", gab ich an den Zapfmeister weiter, bevor ich weiter zu einer großen Tischgruppe lief, die mit Handzeichen nach mir verlangt hatte.

„Reschnung!", rief einer der sichtlich betrunkenen Männer.

„Kommt sofort!" Ich wollte gerade wieder gehen, als mich jemand grob am Arm packte. Eine feuchte Handfläche umschlang mein dünnes Handgelenk.

„Aua!"

Der Mann achtete überhaupt nicht auf mein Aufschreien, sondern zog mich kurzerhand auf seinen Schoß. Prompt saß ich so dicht bei ihm, dass ich seinen stinkenden Atem riechen konnte. Sofort rappelte ich mich auf und versuchte mich zu befreien.

 

„Hey Kleine, was'n los?" Lautstark zog er den Inhalt seiner Nase hoch. „Bleib doch bei mir!"

Mit einer geschickten Drehung entwand ich mich aus seinem Griff, richtete mein Dirndl und machte schnell kehrt.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Typ mich noch einmal packen wollte, doch seine Freunde hielten ihn zurück und riefen mir Entschuldigungen hinterher. Ich versuchte meinen Atem und mein Herz zu beruhigen, das jetzt panisch in meiner Brust trommelte, als wollte es sich selbst befreien.

Einige Gäste hatten mit großen Augen das Schauspiel verfolgt, wandten sich nun jedoch wieder ihren Gesprächspartnern zu. Bis auf einer. Joel. Er hatte sich während der Auseinandersetzung aufgerichtet, um für den Notfall schnell eingreifen zu können.

Dieses Mal musste er es zum Glück nicht. Aber vor zwei Monaten gab es schon einmal einen Zwischenfall. Nicht so harmlos wie dieser hier. Der Kerl hatte mir einige blaue Flecken zugefügt, bevor Joel eingreifen konnte.

Als ich an ihm vorbei ging, fragte ich: „Das Übliche?" Doch bevor ich weitergehen konnte, hielt er mich sanft auf. Raue Finger strichen über mein rotes Handgelenk.

„Du solltest dir einen anderen Beruf suchen, Nina", sagte er mit seiner tiefen und sanften Stimme, die mir jedes Mal einen herrlichen Schauer über den Rücken jagte.

Ich sah zu ihm auf und legte den Kopf schief.

„Ist doch nichts passiert, Joel."

Kopfschüttelnd setzte er sich wieder auf seinen Stuhl und seufzte. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte mit mir zu diskutieren.

„Ja, das Übliche", antwortete er mir und grinste breit. Ich grinste zurück und erst im letzten Augenblick lösten sich seine Finger von meinem Handgelenk.

Schneller als nötig eilte ich an den Tresen zurück und wedelte mir kühle Luft zu. Ich sah sicherlich aus wie eine Tomate. Hach, er war aber auch hinreißend. Mit seinen blauen Augen, die so schön im Kontrast zu seinen dunklen Haaren und seiner gebräunten Haut standen. Selbst dieses langweilige, blaue Shirt mit der beigen Cargo-Hose sahen an ihm einfach fabelhaft aus.

„Jeden Tag das Gleiche."

Ich drehte mich zu Susanne um, die mit einem wissenden Lächeln auf mich zukam.

„Jeden Tag an dem du arbeitest sitzt er dort und lässt dich nicht aus den Augen."

Ich schnaufte. „Ach du übertreibst."

Doch sie lachte nur. „Wenn dann untertreibe ich nur, mein Liebes. Warum fragst du ihn nicht einfach nach einem Date?"

Seufzend lehnte ich mich an das dunkle Holz und gönnte mir die kurze Ruhepause.

„Ich bin altmodisch. Der Mann sollte den ersten Schritt machen."

Susanne lehnte sich zu mir.

„Und was ist, wenn er schüchtern ist?"

„Und ich bin auch schüchtern, und nun?"

Susanne lachte und schnappte sich sechs volle Bierkrüge.

„Nun habt ihr ein sogenanntes Dilemma."

Immer wieder trafen sich Joels und mein Blick. Susanne hatte Recht - es war jeden Tag das Gleiche. Es hätte mich beunruhigen sollen, dass dieser Kerl mich ständig beobachtete aber es war das Gegenteil. Er beruhigte mich. Wenn er da war, fühlte ich mich sicher. Außerdem hatte ich das seltsame Gefühl, dass ich ihn schon mein Leben lang kannte. Also warum fragte ich ihn nicht einfach nach einem Date? Während sich der Gedanke immer und immer wieder in meinem Kopf abspielte, wie eine Endlosschleife, wurde es langsam immer später am Abend und die Gäste verließen nach und nach den Biergarten. Auch Joel.

„Bis morgen", rief er mir zu und winkte zum Abschied. Warum fragte ich ihn nicht? Stattdessen winkte ich ihm nur zurück.

Seufzend drehte ich mich um und begann die Tische abzuwischen.

„Schönen Feierabend!", verabschiedete ich mich schließlich von meinen Kollegen und trat die Heimreise an. Nach wenigen Metern bemerkte ich, dass mein Handy fehlte.

„Och nö."

Erschöpft ging ich zurück und natürlich waren alle schon weg. Zum Glück hatte ich einen Schlüssel. Ich öffnete die schmale Tür des Personaleinganges und fand mich sofort in dem großen Innenhof wieder. Mit eiligen Schritten ging ich zu meinem Spind und schnappte mir mein Handy.

„Hallo Kleines!"

Erschrocken drehte ich mich um und keuchte auf. Hinter stand mir ein großer, breiter Schatten. Im schwachen Licht der Glühbirne konnte ich ihn kaum erkennen. Aber die Stimme, die erkannte ich sofort. Es war der Kerl von heute Mittag. Der, der mich angefasst hatte. Mir wurde übel und schwindelig zugleich. Sofort wurde mir bewusst, dass ich ganz alleine mit diesem widerlichen Typen war. Und er hatte sicherlich nichts Gutes im Sinn.

„Was bis'n so schüchtern. Komm her!"

Er lallte noch schlimmer als heute Mittag. Ich schluckte die Säure meines Magens hinunter.

Wankend kam er auf mich zu und entblößte seine dreckigen, gelben Zähne. Ich würgte.

Mein panischer Blick glitt durch den Raum und zeigte mir keine Art von Fluchtweg, keine Waffe mit der ich mich verteidigen konnte, keine Hoffnung auf Rettung. Außer der Typ würde stolpern und sich den Kopf anstoßen. Ha, das wäre lustig. Mit Mühe konnte ich einen hysterischen Lachanfall unterdrücken.

„Was'n so luschtisch?" Immer schneller wankte er auf mich zu und ich drückte mich zitternd gegen die Wand hinter mir. Kurz bevor er bei mir ankam rutschte ich hinunter und versuchte auf allen Vieren an ihm vorbei zu krabbeln. Natürlich brachte es nichts. Der Kerl fiel wie ein schwerer Brocken auf mich und hielt mich an Ort und Stelle. Schmerzhaft presste sich sein Knie in meinen Rücken. Ich jaulte auf.

„Lass mich!", schrie ich. „Runter von mir!" Ich wehrte mich, versuchte mich zu befreien, doch seine Hände packten meine Arme und drückten sie auf den Boden. Er war einfach zu schwer.

„Warum schreisch'n?", lallte er in mein Ohr.

„Bitte lass mich in Ruhe. Bitte..."

Und plötzlich war das Gewicht weg und wurde durch einen ohrenbetäubenden Knall ersetzt. Kreischend kauerte ich mich zusammen und wartete bis der Lärm verklang.

„Du Arschloch!", hörte ich jemanden sagen, bevor hartes auf weiches Fleisch traf. Wieder knallte es hart. Und dann wurde es still. Vorsichtig lugte ich unter meinen Armen hervor.

Vor mir stand Joel. Was zur Hölle? Was machte er hier?

Er hockte sich mit besorgter Miene hin und umfasste mein Gesicht mit beiden Händen.

„Geht es dir gut? Hat er dich verletzt?"

Ich schüttelte nur den Kopf, unfähig überhaupt ein Wort hervor zu bringen.

Starke Arme umschlangen mich, gleichzeitig wurde ich hochgehoben und fand mich Sekunden später auf seinen Armen wieder. Streng sah er mir in die Augen.

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst dir einen anderen Job suchen!"

Ich starrte ihn immer noch ungläubig an.

„Wie...Warum...was hast du...?", stotterte ich verwirrt.

Er ging mit mir auf den Armen aus dem Pausenraum, hinaus in den Biergarten. Dort setzte er mich vorsichtig auf eine knarrende Holzbank. Nachdem er die Polizei angerufen hatte, strich er mir lächelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das brachte mein Gehirn wieder zum Arbeiten.

„Woher wusstest du, dass ich hier bin?"

Sein Grinsen wurde noch breiter, sodass kleine Grübchen auf seinen Wangen zu sehen waren.

„Ich bin dein Schutzengel. Ich weiß immer wo du bist."

In dem Moment durchschnitten die lauten Sirenen eines Polizeiautos die Stille. Instinktiv drehte ich mich um. Als ich wieder zu Joel sah, war er plötzlich verschwunden.

Am nächsten Tag ging ich ein letztes Mal zur Arbeit. Ich erzählte meinen Kollegen was vorgefallen war und kündigte meinen Job.

Bevor ich gehen wollte, sah ich mich noch einmal in diesem idyllischen Biergarten um und entdeckte Joel an seinem üblichen Tisch sitzen.

„Ich habe gekündigt", sagte ich, während ich mich zu ihm setzte.

Er grinste. „Ich hoffe dein nächster Job ist Buchhalterin oder Sekretärin. Das würde mein Leben um einiges leichter machen."

Ich versuchte zu lächeln, doch es gelang mir nicht.

„Bist du wirklich mein Schutzengel?"

Anstatt mir zu antworten stand er plötzlich auf, beugte sich zu mir runter und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

Ohne ein weiteres Wort verließ er den Biergarten.

Es waren sicherlich nur Schatten gewesen, aber für einen kurzen Moment hatte ich große Schwingen gesehen. Schwingen wie bei einem Engel.

 

~ Ende ~

 

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