Kalter Wind streifte sein Gesicht.

Mit geschlossenen Augen genoss er das Gefühl der zarten Berührung auf der Haut. So sanft, wie die lieblichen Hände einer Frau, zumindest stellte er sie sich so vor. Finger strichen ihm durch das dunkle Haar, wirbelten es auf und fuhren mit leisem Rauschen über seine Ohren.

Viel zu schnell ließ der Windhauch ihn alleine zurück, hinterließ das erdrückende Gefühl von Einsamkeit. Selbst der vor ihm liegende Fluss, dessen Wasser träge an ihm vorbei zog, schien sich immer weiter von ihm zu entfernen.

Seufzend lehnte er sich nach hinten und betrachtete die aufgehende Sonne. Das flimmernde Orange schob sich gemächlich nach oben, verdrängte die Geister aus Nebel, die sich tapfer hielten, nur um am Ende doch zu verblassen. Wie seine Erinnerungen. Blasser Rauch, der sich langsam auflöste und für immer verschwand. Nicht, dass der klägliche Rest seiner Erinnerungen ihn mit Freude erfüllte. Sie waren von einem dunklen Schleier überzogen. Leid und Trauer folgten ihnen, wie ein drohender Schatten. Und doch waren es seine eigenen Erinnerungen. Das was er noch hatte. Das was ihn ausmachte. Wer war er denn, wenn er sie auch noch verlöre?

Das leise Wispern von Furcht ließ ihn zittern. Er vergrub das Gesicht in den Händen und krümmte sich schaudernd zusammen. Innerlich zwang er sich, den blassen Rauch einzufangen. Doch fühlte es sich an, als würde er Wasser mit einem Netz schöpfen. 

„Geht es dir nicht gut?“

Mit einem leisen Aufschrei zuckte er zusammen und rutschte von dem Stein, der ihm als kalter Stuhl gedient hatte. Wenig elegant landete er auf seinem Hintern. Mit klopfendem Herzen sah er zu der jungen Frau auf, die frech auf den Stein gehüpft war. Sie hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und sah sie zu ihm hinab. Schalk spiegelte sich in dem porzellanfarbenen Gesicht.

„Hi.“

Verwirrt blinzelte er. „H-hi.“

„Und?“

Er starrte sie an. „Und was?“

Sie legte den Kopf schief, sodass ihre langen blonden Haare zur Seite fielen. Die Frau konnte nicht älter als zwanzig sein. Gehüllt in ein dünnes, hellblaues Kleid, schien ihr die Kälte des Frühlingsmorgens nichts auszumachen.

„Du sahst so traurig aus, deswegen habe ich dich gefragt, ob es dir nicht gut geht.“

Das Lächeln verschwand, als überschwemmte sie die Sorge über ihn. „Ist es so?“

Er schluckte schwer, richtete sich aber auf und stellte sich vor die Frau. Da sie auf dem Stein stand, überragte sie ihn um einige Zentimeter.

„Willst du nicht darüber reden?“

Große grüne Augen funkelten ihn voller Neugierde an. Wer war diese Frau, dass sie ihn sehen konnte? Tot war sie nicht. Sonst würde er die eisigen Ranken spüren, die sich jedes Mal so voller Sehnsucht nach ihm streckten. Dort war kein Eis, keine Wärme. Er spürte einfach nichts.

Verwirrt runzelte er die Stirn. Er wollte gerade die Hand heben, um sie zu berühren, um sich sicher zu sein, dass es sie tatsächlich gab. Es kein Geist seiner Sinne war, der ihn in die Irre führen wollte. Da zuckte sie plötzlich mit den Schultern und sprang von dem Stein.

„Dann lasse ich dich wieder alleine.“ Kurzerhand drehte sie sich um und schlenderte vergnügt pfeifend davon.

„Warte“, wisperte er unsicher, doch sie hörte ihn nicht. „Warte!“

Sie blieb stehen. Langsam wandte sie sich um und musterte ihn eindringlich. Selbst aus dieser Entfernung konnte er das dunkle Grün ihrer Augen sehen. Augen, die ihn immer tiefer in einen unendlichen See ziehen wollten. Wer war diese Frau?

„Ich würde sehr gerne mit dir reden“, fuhr er leise fort. Unsicher trat er von einem Fuß auf den anderen. „Wenn du denn magst.“

Ein kindliches Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Natürlich mag ich, sonst hätte ich dich ja nicht gefragt.“

Leichtfüßig ging sie zurück zum Stein, setzte sich und klopfte mit der linken Hand auf die freie Stelle neben sich.

Bedächtig nahm er neben ihr Platz. Spürte ihr Bein an seinem, ihre Hand, die sich über seine legte. Zierlich und warm, dass ihn ein Schauer nach dem anderen den Rücken hinab jagte. Unwillkürlich schmiegte er sich näher an sie heran. Er wollte mehr spüren, mehr von den Empfindungen, die ihm stets verwehrt geblieben waren.

Schweigen legte sich über ihn und die fremde Frau. Hüllte sie ein, während sie der Welt lauschten, wie sie langsam aus der Nacht erwachte.

„Hast du einen Namen, trauriger Mann?“

Trotz der melodischen Stimme zuckte er bei der Frage zusammen. Unsicher was er ihr antworten sollte, sagte er lediglich: „Ich habe viele Namen, aber keiner davon gefällt mir.“

Die Frau lächelte still. „Ich habe auch viele Namen. Und mag ebenso nicht einen davon.“ Sie streckte ihre Beine aus und betrachtete die schmalen Füße die, wie er mit einem Mal bemerkte, nackt waren.

„Dann bleiben wir heute namenlos.“

Er nickte und betrachtete ihr Profil. Rosige Wangen, eine kleine spitze Nase und schmale rote Lippen. Wunderschön, dachte er voller Ehrfurcht. Sie begegnete seinem Blick. Ertappt sah er auf seine eigenen Füße hinab.

„Möchtest du mir erzählen, was dich betrübt?“

Er seufzte. „Du würdest es nicht verstehen.“

„Versuche es. Und selbst wenn ich es nicht verstehe, hilft es dir vielleicht den Worten freien Lauf zu lassen.“

Er entzog ihr seine Hand und strich schließlich über den Stoff seiner dunklen Hose.

„Ich…“ Er holte tief Luft und sah zum Himmel hinauf. „Ich habe das Gefühl mich zu verlieren.“

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort. „Erinnerungen verblassen und zurück bleiben Gefühle, die mich lähmen. Jeden Tag vergesse ich mehr, wer ich bin und warum ich bin. Es ist, als wäre ich ein Gefäß mit einem Loch im Boden und mein Ich fließt stetig hinaus, bis am Ende kein Tropfen mehr übrigbleibt.“

Tränen verschleierten seine Sicht, während er seinen hektischen Atem zu beruhigen versuchte. „Ich habe Angst. Angst ein leeres Gefäß zu werden, doch weiß ich nicht, wie ich das Loch stopfen soll.“

Die Worte laut ausgesprochen zu haben, verstärkte die leise Angst. Er existierte seid Anbeginn der Zeit. Warum begann er ausgerechnet jetzt zu verblassen? Was war geschehen, was hatte er getan?

„Hm“, hörte er den nachdenklichen Laut der Frau. „Dieses Loch wird sich nicht von alleine wieder schließen. Du wirst dafür Hilfe benötigen. Vorausgesetzt du möchtest es überhaupt.“ 

Die Worte hallten in seinem Kopf wieder, verursachten, dass er zittrig nach Luft schnappte. Wollte er es überhaupt? Das war die Frage, die er sich nicht zu stellen vermochte.

Bevor ihn drohende Panik erdrücken konnte, sprang die Frau auf, nahm seine Hand und zog ihn ebenfalls hoch. Sie reichte ihm gerade bis zur Schulter, musste ihren Kopf in den Nacken legen, um ihn in die Augen zu blicken. Zärtliche Finger fuhren ihm über die Wange, hinterließen eine brennende Spur aus Empfindungen, die er kaum begreifen konnte.

Bevor er den nächsten Atemzug tat, drehte sie eine Pirouette unter seiner Hand und lachte voller Glück.

Er beobachte ihre tanzenden goldenen Haare, die im Sonnenlicht schimmerten. Schwungvoll landete sie in seinem Armen, umfing sein Gesicht und innerhalb eines Wimpernschlages waren da Lippen auf seinen. Schmerzhaft weich. Ein leiser Hauch, der zu viel und doch zu wenig war. Er nahm den Duft von blühenden Lilien in sich auf. Drohte darin zu ertrinken.

Der Moment verging.

Ein Schmetterlingsschlag.

Die Frau löste sich von ihm und ihr strahlendes Lächeln verblasste.

„So ein trauriges Geschöpf,“ wisperte sie. Tränen glitzerten in ihren Augen wie Sonnenstrahlen auf einem grünen See.

„Du hast bereits vergessen wer du bist, mein Liebster. Vergessen wer du warst.“

Er beobachtete einen kleinen Tropfen ihre Wange hinablaufen.

„Was bedeutet das?“

Ohne zu antworten, zog sie ihn auf das Wasser zu. Kurz vor dem seicht abfallenden Ufer blieb sie stehen.

„Du hast dich bereits vor langer Zeit entschieden, dieses Loch nicht zu stopfen. Du wolltest vergessen. Warum sonst, wärst du hier bei mir?“

Unsicher bemerkte er, dass er nicht wusste wann oder warum er sich hier auf diesen Stein gesetzt hatte. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er zu diesem Fluss gelangt war. 

Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Gefühle stürmten auf ihn ein, entfachten einen tosenden Wirbelsturm aus Furcht und Freude, Trauer und Erleichterung.

„Der Fluss des Vergessens“, sprach er seinen Gedanken aus. „Der Ort an dem die Toten ihre Erinnerungen zurücklassen.“ 

Hastig wirbelte er zu der Frau und umfing ihr Gesicht mit den Händen.

„Bin ich tot?“

„Sag du es mir“, flüsterte sie voller Liebe in der Stimme, die ihn seidig umfing. „Vermag der Tod zu sterben?“

 

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